Roadtrip Lombok

Tag 1 Deutschland feiert und wir schlafen tief und fest. Sieben zu eins. In einem Halbfinale bei einer Weltmeisterschaft! Nicht das ich die geringste Ahnung von Fußball hätte, aber als Paul mir am nächsten Morgen vom Spiel erzählt will ich ihm kaum glauben. Ohne das Spiel gesehen zu haben und 12.000 Kilometer entfernt freuen wir uns trotzdem mit, sitzen beim einer Dose Milchkaffe zum Frühstück und planen unseren kleinen Roadtrip in Lombok. Zwei Bikes haben wir uns besorgt, mit jedem technischen Schnickschnack. Paul seins hat sogar Licht, meins dafür eine Hupe, wir werden uns später ganz gut ergänzen… Wir starten in Sengiggi und lassen uns über eine wunderschöne Küstenstrasse zum nördlichsten Zipfel der Insel tragen. Kurve um Kurve gibt die Insel ihre Schönheit zu entdecken, links das blaue Meer, rechts ein Meer aus Palmen.

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Sobald ich auf Straße bin, werde ich innerlich vollkommen ruhig. So sehr es sich lohnt in der Gegenwart zu sein, so schön ist es sich zu bewegen. Es ist kein Paradox: Den Augenblick erlebt man in Bewegung am aktivsten. Es wird erst dann zu einem Paradox, wenn man sich nur bewegt, um sein nächstes Ziel zu erreichen.

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Wir steuern ein paar Wasserfälle an, östlich von Bangsal. Am ersten Wasserfall werden wir von einem geschäftstüchtigen Mann empfangen, der uns partout nicht mehr von der Pelle rücken möchte. Er faselt etwas von einem Weg, den er hier bauen möchte, einem Regierungsprojekt um mehr Touristen den Ausblick auf „seine“ Wasserfälle zu ermöglichen und lässt mich die Umgebung nicht einen Moment genießen. Dafür möchte er dann auch noch Geld und zwar nicht wenig. Als ich ihm mit letzten Nerven – immer noch betont freundlich – zum fünften Mal erkläre, dass ich weder einen „Guide“ möchte noch einen größeren Weg hierher gutheiße, bittet er uns mit einem Schwall indonesischer Schimpfwörter vom Platz. Wie gesagt, der Weg ist das Ziel, wäre ich nur der Wasserfälle wegen losgefahren wäre ich enttäuscht.

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Von den letzten Tagen bin ich bereits dezent vorgeschädigt, jeder Einheimische hier möchte Geld von dir haben. Vielleicht sollte ich mich in Lumpen packen und nicht mehr duschen, aber es ist wohl so, dass meine weiße Haut bereits ausreicht um bei den Indonesiern das Denken auszuschalten. Selbst in Laos habe ich so etwas nicht erlebt und die Bevölkerung in Laos ist weit ärmer als die meisten Menschen hier. Es ist schwer in Kontakt zu kommen, wer Englisch spricht der arbeitet im Tourismus und sein Job ist es nun mal den Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wer nicht richtig englisch spricht, der nutzt ein paar eingelernte Wörter, mit denen er entweder nach Geld fragt oder dir irgend etwas zu verkaufen versucht. Der wirkliche Kontakt ist hier nur über die Landessprache möglich, das habe ich endlich eingesehen. Man hat also zwei Möglichkeiten: Entweder bleibt man ewig Tourist und somit ein laufendes Geldsäckchen oder man schnappt sich ein Wörterbuch und lernt Bahasi. Für das Ego schwer zu schlucken, dass die Erlebnisse der letzten Tage an mir selbst liegen, aber so ist es eben. Nach dem nächsten erfolglosen Versuch an einen Wasserfall zu kommen – diesmal finden wir ihn schlichtweg nicht – fahren wir nach Bangsal zum Hafen und Essen zu Mittag.

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Gestärkt geht es nun Richtung Süden, immer noch auf einer sehr schönen und kurvenreichen Strasse durch den Monkey Forest. Hunderte von kleinen und größeren Äffchen sitzen am Straßenrand und schauen den vorbei fahrenden Autos und Motorrädern nach. Sie machen was Affen so machen, rennen wild in der Gegend herum oder sitzen friedlich beisammen und putzen sich gegenseitig. Wir halten bei der ersten Gruppe kurz an, aber nachdem der Anführer mit gefletschten Zähnen auf uns zugerannt kommt und wild brüllt, fahren wir solange weiter, bis wir einer freundlicher gesinnter Affenfamilie begegnen, die Lust auf ein Fotoshooting hat. Wer sich bis hierher durch den Text gekämpft hat darf sich nun bei ein paar netten Schnappschüssen vom lesen entspannen:

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In Mataram wird der Verkehr zum ersten Mal unangenehm dicht. Wir sind auf dem Weg nach Kuta Lombok und ich staue nicht schlecht als wir uns plötzlich auf einer mehrspurien Schnellstraße wiederfinden, die nagelneu gebaut ist. Ironischerweise sehen wir genau hier den ersten schweren Unfall, vor uns hat ein Auto die Bebauung auf dem Mittelstreifen durchlagen und steht nun quer auf unserer Fahrbahn. Mir fällt auf, dass ich den ganzen Tag noch keine Polizei gesehen habe, eigentlich dachte ich dass wir garantiert angehalten werden würden und man uns mit vorgehaltenen Gründen zur Kasse bitten würde. Auf Java und Bali ist das gang und gäbe, hier hat sich zumindest diese Abzocke scheinbar noch nicht verbreitet. Durch die Schnellstraße kommen wir flotter voran als gedacht und erreichen pünktlich zum Sonnenuntergang den Strand von Kuta Lombok.

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Kuta ist klitzeklein. Von Norden kommend stoßen wir auf eine kleine Querstraße die wir zuerst ignorieren und finden uns etwa hundert Meter weiter in einem slumähnlichen Teil von Kuta wieder. Der Boden ist gepflastert mit Müll und Plastiktüten. Das soll Kuta Lombok sein? Auch das vom Lonely Planet empfohlene Homestay liegt in diesem Stadtteil. Ach ja, der Lonely Planet. Ab und zu ist er ja ganz hilfreich, aber grundsätzlich dient er außerhalb zivilisierter Gegenden hauptsächlich zum Feuer machen. Doof dass ich die digitale Version dabei habe, brennt viel schlechter. Das Homestay hat nur eine kleine schäbige Bambushütte frei. Nicht falsch verstehen. Ich liebe Bambushütten. Aber nicht ohne Moskitonetz und vor allem nicht, wenn alles ohne Liebe gemacht, ungepflegt und schäbig ist und dann auch noch fünfzehn Dollar pro Nacht verlangt werden.

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Wir landen in einer kleinen Bungalowanlage mit angeschlossenem Restaurant, zahlen auch hier zusammen fünfzehn Dollar und kaum sind wir eingecheckt wird es dann richtig gemütlich. Der Strom fällt aus, somit auch das (superlangsame) Internet und wir verschieben die weitere Planung auf morgen. Bei Kerzenlicht schlürfen wir einen Mochito und machen uns auf etwas essbares zu finden. Eine Straße weiter gibt es nicht nur Strom sondern auch leckeren Fisch. Hier wachsen Knoblauch und Limonen in rauen Mengen und diesmal kommt der Koch doch glatt auf die Idee beides dem Fisch beizulegen. Danke! Mit dem Kochen haben es die Indonesier im Allgemeinen nicht so sehr, das Essen in den Straßenküchen ist meist sehr rustikal und beschränkt sich oft auf Sate (Fleischspieße) sowie Reis oder Nudeln mit Gemüse. Und selbst die Nudeln sind eigentlich nicht indonesisch, die Chinesen haben sie mitgebracht. Fisch und Fleisch wird nur gegrillt und selten gewürzt. Es gibt auch Ausnahmen, in manchen Straßenküchen zum Beispiel die eine Nacht lang in Kokosnussmilch und Chili gekochte Jackfruit. Superlecker! Die Fahrt war doch recht Anstrengend und wir hauen uns für einige Stunden aufs Ohr, bevor uns am nächsten Morgen der bereits gewohnte Ruf von einer Moschee wieder aus unseren Träumen reisst.

Tag 2 Wir haben Strom! Da das Internet trotzdem nicht funktioniert machen wir uns nach einem sehr spartanischen Frühstück auf den Weg zum ersten Strand. Der Tag wird anstrengend werden, wir haben eine weite Strecke vor uns und haben uns viel vorgenommen. Abgesehen von einigen Stränden an der Südküste wollen wir zum „Pink Beach“ fahren, bereits im Vorfeld habe ich gelesen, dass er sehr schwer zu erreichen ist. Auf dem Weg werden wir einige verwunderte Blicke ernten, als wir erzählen wo wir hin möchten. Das schreckt uns nicht ab, der Morgen ist schön anzusehen, die Sonne bricht sich im… ja was ist das eigentlich? Überall qualm es und nach dem ersten unvermeidlichen tiefen Lungenzug in einer der Rauchwolken wird klar: Es handelt sich um eine schicke Mischung aus verbranntem Plastik, gewürzt mit allem anderen was man so anzünden kann. Der ein oder andere Lonely Planet ist vielleicht auch mit dabei. Bis zum ersten Strand ist es nicht weit und hier bleibt einem der Atem trotz der inzwischen wieder guten Luft dann aus ganz anderen Gründen beinahe weg. Aber seht selbst, die Westseite vom Seger Beach:

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Es ist menschenleer, nur irgend so ein Idiot steht im Bild und fotografiert die Wellen. Moment, dass bin ja ich…

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Die See ist uns zu rau um baden zu gehen, surfen kann man hier aber gut. Sofern man das beherrscht und ein Surfbrett sein Eigen nennt. Beides müssen wir verneinen uns ziehen direkt zur Ostseite vom Seger Beach weiter, dort bleiben wir dann auch eine Weile, ich gehe ins Wasser und Paul hält ein Nickerchen. Auch ich lege mich dazu und schrecke eine Weile später wieder hoch. Mist, schon wieder ein Sonnenbrand und das am frühen Morgen. Wir arbeiten uns über Schotterpisten und Sand zum nächsten Traumstrand vor, auch der Gerupuk Beach ist quasi menschenleer.

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So leer dass Paul glatt seinen Schlüssel im Bike stecken lässt und dieser dann später von einer Gruppe Einheimischer in gemeinsamer Arbeit wieder gegen Geld „gefunden“ wird. Klar ist es ziemlich doof den Jungs am Strand eine derartige Einladung zu geben, die feine indonesische Art ist es aber auch nicht, daraus eine Abzocke zu gestalten. Während woanders das Bike womöglich gleich weg gewesen wäre wird hier eben direkt Profit aus der Situation geschlagen, es kostet Paul nicht die Welt, gibt aber einmal mehr über die Kultur hier zu denken. Wenn man von „kultiviert“ spricht, meint man damit oftmals eine ins positive entwickelte Handlungsweise innerhalb einer Gesellschaft. Kultur ist aber ein wertfreier Begriff. So muss man sich eben nicht nur an das andere „Gute“ einer unbekannten Kultur gewöhnen, sondern an ein Gesamtpaket von mehr oder weniger kultivierten Denk- und Handlungsweisen. Es gibt auch Bakterienkulturen… Kultur bedeutet nur da wächst etwas, in einem gemeinsamen Kosmos, mit einem gemeinsamen historischen Hintergrund und mit gemeinsamen Werten und Zielen. Wenn diese Werte und Ziele unterschiedlicher Kulturen aufeinandertreffen wird es interessant. Während einer der Jungs sich von dem Geschehnis zu distanzieren versucht erklärt er uns noch, dass er doch nur seine Ananas an den Mann bringen will und er möchte, dass weiterhin Fremde hier an den Strand kommen. Jeder weiß was gespielt wurde, es ist ein unausgesprochenes Geheimnis, nur zwischen mir und ihm wird kurz Klartext gesprochen. Könnte ich doch nur indonesisch… Sein Englisch und unser Verständnis für die Situation reichen aus um die Sache zu klären, ich verabschiede mich mit einem Lächeln, wir schütteln ihm die Hand und versprechen, er solle sich keine Sorgen machen. Ich bin versucht einen Aufsatz über Karma zu schreiben, belasse es an dieser Stelle mit dem Hinweis darauf dass es sich um ein überpersönliches Konzept handelt und schließe mit der Idee, dass unserer Ziele sich gar nicht so stark unterscheiden, es unterscheidet sich hauptsächlich der durch erlernte Werte geformte Weg, diese Ziele zu erreichen. Essen, Geld, Macht, Glück, Sex, Zufriedenheit. Habe ich etwas vergessen? Schnell das nächste schöne Bild vom Gerupuk Beach:

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Der Fahrwind lässt die Gedanken schnell wieder verfliegen, die Straßen werden immer schöner und schließlich bin ich versucht ein paar Meter der Strecke auf Video festzuhalten. Da ich mir die Kamera einfach um den Hals gebunden habe ist alles verwackelt, egal, zurücklehnen und festhalten bitte:

(Internet ist gerade mal wieder zu langsam, Video lade ich noch hoch, stattdessen hier erstmal nur ein Bild)

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Der Weg bis zum Pink Beach ist noch weit, wir biegen zu früh ab, die „Straße“ wird immer abenteuerlicher und endet schließlich in einem Trampelpfad. Auf der Karte ist sie lustigerweise genau so groß eingezeichnet wie die National Road, aber die Karte wäre auch das Erste gewesen auf das wir uns heute verlassen könnten. Also umdrehen und einen neuen Weg suchen. Über Steine und immer knapp an den herumrennenden Hühnern vorbei, vorbei an Reis der zum trocknen am Wegrand ausliegt: Eigentlich ganz nett dass wir uns verfahren haben. Wir sind inzwischen genau mitten im Nirgendwo, auch wenn die Karte uns etwas anderes Versucht weis zu machen. Es wechseln sich Gruppen von Kindern die uns zuwinken und „Hellooo!“ brüllen mit Kindern die uns englischsprachige Schilder mit der Bitte um Geld entgegen halten. Wir sind inzwischen etwas abgehärtet und reagieren nur mit freundlichem Lächeln und Winken. Geld zu geben wäre vermutlich kontraproduktiv, eine Schule kann man schlecht im vorbei fahren aufbauen und wenn die Straßenverhältnisse ein paar Gedanken zulassen – meist muss man sich doch verdammt konzentrieren beim fahren – überlege ich wo man hier anfangen könnte. Das Land steuert keiner guten Entwicklung entgegen: Dass nun die große Hoffnung im Tourismus gesehen wird finde ich sehr kritisch zu bewerten und befürchte hier in einigen Jahren ein zweites Bali.

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Wir haben bereits ein Schild passiert mit der Aufschrift „Pink Beach“ doch die Straße scheint nicht enden zu wollen. Genau genommen hat sie längst geendet, wir fahren seit einer halben Stunde zwischen Schlaglöchern und Felsbrocken, die Arme müssen jeden Stoß abfangen, werden schwer und die Finger, an den Lenker gekrallt, tun abartig weh. Wenn wir doch nur ein paar richtige Geländemaschinen hätten und nicht diese verflucht kleinen 125ccm Roller! Ein weiteres Schild, eine Abzweigung und der Weg geht beinahe senkrecht hinunter. Die Steine sind teilweise größer als die Reifen, wir rutschen im Schritttempo hinunter und ich werde später überrascht sein wie einfach wir den Weg wieder hochkommen werden. Und da ist er endlich. Der Pink Beach. Und zwar sowas von Pink! Naja, eigentlich… eher ganz leicht rötlich. Oder ist das nur die Sonne die schon untergeht? Tja, so ist das eben mit der Erwartungshaltung, ablegen kann man sie nur schwer.

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Apropos Sand, heute Mittag waren wir an einem Strand an dem die Sandkörner rund waren. Das fühlt sich nicht nur super schön an beim barfuß laufen, man sinkt auch im nassen Sand bei jedem Schritt bis weit über die Knöchel ein.

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Bei genaueren betrachten stellt sich der Sand dann aber doch als durchaus sonderbar gefärbt heraus und nachdem Paul fleißig alle roten Korallen am Strand zusammen gesammelt hat haben wir uns eben unseren eigenen Pink Beach gebastelt.

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Da die Sonne bereits sehr tief steht verweilen wir nicht all zu lange. Ein Versuch das in HDR festzuhalten schaut zwar recht surreal aber doch ganz nett aus:

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Uns ist bereits klar, dass wir in die Nacht fahren müssen. Doch zumindest den Offroad-track wollen wir hinter uns bringen bevor es dunkel ist. Etwa eine Stunde später, genau zum Sonnenuntergang erreichen wir wieder die erste befestigte Straße und schlängeln uns nun zwischen den Schlaglöchern durch.

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Bis wir wieder in Sengiggi ankommen werden wird es bereits Nacht sein, etwa drei Stunden Fahrt haben wir noch vor uns. Inzwischen habe ich meine Stirnlampe am Nummernschild befestigt und versuche von hinten Paul den Weg frei zu hupen. Da wir nun bemerken, dass wir durch die verkratzen Visiere der Helme in der Dunkelheit so gut wie nichts erkennen, fahren wir immer langsamer. Später werden immer mehr Autos und Roller uns begleiten und wir schwimmen im Lichtermeer in der Dunkelheit unserem Ziel entgegen. Angekommen wollen wir eigentlich nur duschen und schlafen, der Hunger treibt uns dann in ein Restaurant in dem wir zufällig zwei Mädels wieder treffen, die wir auf den Gili Islands kennen gelernt haben. Es wird ein langer Abend bei Bier und Livemusik und schließlich ist es drei Uhr in der Früh. Paul muss zum Flughafen aufbrechen um seinen Flug über Bali nach Singapur zu erwischen und ich finde meinen Weg ins Hostel und falle mal wieder happy und todmüde ins Bett.

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