Jakarta stinkt!

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Jakarta stinkt wie die Pest und hat 28 Millionen Einwohner in der Metropolregion! Und damit wäre auch schon fast alles gesagt über die größte Stadt Südostasiens, wären da nicht die Indonesier. Warum das den Gestank des Großstadtdschungels wieder wett macht? Die Indonesier sind wohl die freundlichsten Menschen die mir bisher begegnet sind, so freundlich das man erst einmal lernen muss damit klar zu kommen.

Hinter jedem “Hey, Mister!” und “Hey, how are you?” vermutete ich zu Beginn eine Absicht. Dass das Ziel der Ansprache – jedes mal von Neuem – aber lediglich ist, entweder mit mir gemeinsam auf einem Foto abgelichtet zu werden oder sich mit mir ein paar Sätze lang zu unterhalten, ist unglaublich. Oftmals ganz direkt in einem Satz, vor allem von den Kindern manchmal auch mit viel Aufwand geübt kamen dann die Fragen: Mit einem Zettel in der Hand auf dem etwa zehn Sätze standen, die sie in der Schule gelernt hatten, fing das Gespräch an. “What is your name, Mister?”, “Where are you from, Daniel?” und so weiter…

Es endete mit der Frage “Can you take picture with us?” oder “Can I take selfie with you?”. Obwohl ich “selfies” hasse:

 

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Wenn ich nach der 100. Ansprache gerade mal keine Lust dazu habe, dann reicht es zur Zufriedenheit aller auch aus, die grinsenden Gesichter auf meine Filmkamera zu bannen, womöglich in der Hoffnung nun in der ganzen Welt zu großer Berühmtheit zu gelangen. Den Gefallen tue ich diesen niedlich-urig-lieben Menschen doch gerne:

 

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Auf wie vielen Smartphones ich heute Arm in Arm mit kleinen Kindern, Großfamilien und ganzen Schulklassen abgelichtet wurde ist nicht zu zählen, in wie vielen sozialen Netzwerken “Mr. Daniel from Germany” nun seine Verbreitung finden wird lässt sich nur vermuten. Offensichtlich bin ich hier tatsächlich eine Rarität, andere Reisende gibt es quasi keine.

Die einzige Backpackerin die mir hier in den letzten zwei Tagen begegnet ist, hat mir quer über die Straße zugewunken, selbst für einen Weisen ist man hier etwas besonderes. Und umgekehrt natürlich auch.

Da es in Jakarta wirklich nicht auszuhalten ist, bin ich heute mit dem Zug nach Bogor gefahren, etwas mehr als eine Stunde außerhalb der Stadt. Wobei diese eigentlich nie so richtig aufhört. Die sowieso schon kleinen Häuser werden immer kleiner, werden zu Slums, werden wieder ein wenig größer und dann ist da auch schon Bogor.

 

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Bogor stinkt! Aber so habe ich ja gerade schon einmal angefangen… Also ab in den botanischen Garten und erst einmal durchatmen. Der wurde in der Kolonialzeit von den Niederländern angelegt, vielleicht ist es auch einfach der kleine Rest Urwald der nicht platt gemacht wurde, als Sie sich in Bogor niedergelassen haben.

 

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Es ist, abgesehen von der durch Klimaanlagen filtrierten Pest, das erste Mal seit drei Tagen, dass ich wieder so etwas wie “Luft” atme. Wobei atmen dabei nicht das korrekte Wort ist. Aufgrund der Luftfeuchtigkeit (schon mal im Tropenhaus gewesen?) fürchte ich, dass mir demnächst Kiemen wachsen werden.

Da ich sowieso zum tauchen möglichst bald ans Meer will auch kein Ding. Wenn das Wasser aus DEM Fluss allerdings ins Meer fließt – und wo soll es auch sonst hin – dann reichen Kiemen nicht aus. Zum baden also lieber weiter weg:

 

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Sonntags füllen jede Menge Besucher aus Jakarta den ausgedehnten Park, überall rennen Kinder herum und spielen entweder Federball, Fußball mit einem Wasserball oder schwer zu erklärende Hüpfspiele auf kompliziert aufgemalten Kreideflächen. Oder spielen fangen. Oder Picknicken. Oder feiern. Die Kinder sind dabei zwischen 0 und 99 Jahre alt, sprich: Jeder spielt mit.

Generell ist es schön den Familien zuzuschauen, auch im Zug wird viel gemeinsam gescherzt und gelacht, immer auch mir anderen Menschen die sich gar nicht kennen, da lacht schnell mal das halbe Zugabteil gemeinsam. Das fehlt mir in Deutschland. Da es immer (wieder) regnet musste ich die Kamera leider oft wegpacken. Überhaupt ist es schwer aus dem fotografieren eine Routine zu machen. Bogor hat sage und schreibe 300 Tage Sturm und Regen im Jahr, heute war einer davon. Das fehlt mir in Deutschland nicht.

 

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Auch ich habe es mir nicht nehmen lassen den ein oder anderen Federball aus dem Baum zu pflücken oder mich beim Land-Wasserball-spielen zu beweisen, es ist echt nur schwer möglich jemanden zu passieren ohne in Interaktion zu treten. Dass macht jede Menge Spaß und so wird der Faden zwischen Kulturen im Alltag gesponnen.

Spätestens wenn du im Zug einer Dame die heruntergefallene Wasserflasche aufhebst, wird aus Ehrfurcht Achtung – und schließlich will man nicht als weiser Gott betrachtet sondern als gleichwertiger Mitmensch angesehen werden.

 

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Dass die Weißen quasi wie ein Gott angesehen werden war wohl eher die persönliche Meinung von einem alten Mann in Bogor, der ursprünglich aus Sumatra kommt, sein Glück auf Java als Guide oder Englischlehrer gesucht hat und nun als Müllsammler arbeitet.

Auch er wollte sich unbedingt mit mir unterhalten, hat sich fotografieren lassen und möchte das Bild per E-Mail bekommen um es seiner Familie zu schicken. Diese Erfahrung war es, die bei mir den Stöpsel gegenüber den Indonesiern endgültig gelöst hat, selbst er wollte mir weder etwas verkaufen noch wollte er Geld.

 

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Er wollte sich lediglich austauschen, erklären dass auch er ein wertvoller Mensch ist, aber eben gerade den Plastikabfall aufsammelt. Geschämt hat er sich nicht für den Job aber er wollte mir klar machen dass er noch mehr ist als nur Müllmann.

Mir ist das recht nahe gegangen, erstens weil er genau so herzlich wie dreckig war, zweitens weil ich mich so sehr überwinden musste mit ihm zu reden und ihm die Hand zu geben. Etwas in mir ist dabei zwei Zentimeter gewachsen, den ersten als ich mich endlich getraut habe mich zu ihm zu setzen – eine Kamera in der Hand, mehr Wert als sein Jahreslohn – und den zweitens als er mir beim verabschieden gesagt hat, was er von mir hält.

Seitdem renne ich mit der Kamera auch im dunkeln offen herum, meine Paranoia ist weggepustet. Auch er ist zwei Zentimeter größer geworden. Den ersten als ich mich zu ihm gesetzt und mit ihm geredet habe, den zweiten weil ich nun mein Versprechen einlöse und ihm das Foto schicke.

Um nicht noch einen Selfie mit indonesischen Kids hochzuladen und weil es so schön bunt ist noch ein Bild aus dem botanischen Garten:

 

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Morgen geht es endlich raus aus dem Drecksmolloch Jakarta in Richtung Osten. Erstes Zwischenziel ist Yogyakarta, relativ zentral gelegen in Java, eine etwa acht Stunden lange und landschaftlich wohl sehr schöne Zugfahrt entfernt.

Damit habe ich dann auch schon die halbe Strecke geschafft, bevor noch ein, zwei Vulkane zu besteigen sind und bis dann endlich das große Inselhüpfen östlich von Java beginnt: Bali, Lombok, die Gili-Islands sowie jede Menge kleine namenlose Inseln erwarte ich mit Sehnsucht, mit Schnorchel im Gepäck und freue mich nach diesem heftigen Kopfsprung in den städtischen Teil der Kultur von Indonesien auf den ersten Sprung ins Meer…

Freue mich auch auf eure Kommentare oder auch auf Fragen, z.B. was man machen kann um nach drei Tagen Warung (Straßenküche) in Asien immer noch einen wunderbaren Magen zu haben, wie man im Billighotel trotz Zimmerkarte auch Strom hat wenn man weggeht, und warum es im billigsten Zug am schönsten zu reisen ist!

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8 Comments

  1. June 15, 2014
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    Servus mein Lieber, na jetzt scheinst du ja richtig angekommen zu sein und du machst sowohl vom Schreiben, wie auch auf den Bildern einen geerdeten Eindruck. Das freut mich für dich! Das die Umwelt da “unten” nicht ganz so intakt ist, wie in Europa, ist schade, aber vielleicht wird das Schnorcheln im Meer eine positive Erfahrung. Dann freue ich mich auf deinen nächsten Bericht, lasse es dir gut gehen, LG H@wie

    • June 16, 2014
      Reply

      Hi Grüß dich! Schön von dir zu hören, auch dir scheint es den Bildern vom biken an der Isar nach gut zu gehen, hoffe der Sommer in Deutschland bleibt so schön wie er letzte Woche war als ich abgeflogen bin. LG!

  2. June 16, 2014
    Reply

    Hey Mr. Daniel 🙂
    Schön, dass du Deutschland bzw. die deutsche Skepsis so schnell ablegen konntest. Ich bin schon begeistert von deinem ersten Beitrag und eins deiner Ziele lust aufs Reisen zu machen hast du definitiv erreicht. Zumindest bei mir. 🙂
    Dass die Beiträge einem ein lächeln und ein warmes Gefühl ums Herz zaubern über diese Freundlichkeit der Menschen steht auser Frage. Mach weiter so Freue mich schon auf weitere Beiträge werden aufmerksam lauschen oder besser lesen.

    Die Frage wie dein Magen das aushält mit der Küche ist gut und vorallem wie ist es so geschmacklich? Besser als die Kantine? 😀

    Grüße
    Chris

    • June 16, 2014
      Reply

      Hi Mr. Christoph 🙂

      Danke für die Blumen, freut mich wenn ich dich schon mit den ersten Worten ein wenig erreichen konnte. Die deutsche Skepsis ist allumfassend, sie fällt Stück für Stück in Brocken ab, jedes Mal fühlbar. Skepsis ist sogar sehr zurückhaltend formuliert, es ist Angst die verloren geht. Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Gegenüber, Angst vor dem Morgen. Und das schafft Raum für Neues, lässt Dinge zum Vorschein kommen die in uns schlummern, es gibt einem die Möglichkeit sich Seite für Seite zu entfalten.

      Das Essen an den Straßenständen ist bis jetzt noch nicht so umwerfend, da finde ich die indische und thailändische Küche besser. Aber innerhalb von Indonesien variiert das anscheinend sehr stark, auf Java wird vieles eher süß gebraten, in Sumatra ist es wohl alles sehr scharf und auch im Osten wird eher scharf gekocht.

      Da man sich die ersten Tage an vieles zu gewöhnen hat sollte man mit dem Essen an den Ständen zunächst sehr vorsichtig sein, nur durchgebratenes verzehren, rohe Beilagen auf dem Teller liegen lassen und sich um Gottes willen kein Eis ins Getränk tun lassen. Erstens weißt du nie aus welchem Wasser das hergestellt ist und dein Magen ist (noch) nicht an die Bakterien dort gewöhnt. Außerdem ist die Art und Weise wie das Eis transportiert und zerkleinert wird sehr fragwürdig:

      http://1drv.ms/1kGGzDl

      Zwar lag unter dem Eisbrocken noch ein Stück Plastiktüte aber die Hygieneumstände wären damit wohl geklärt…

      Der Körper muss sich am Anfang Hormonell umstellen (aufgrund des Jet-Lags, Geschäftsleute die viel reisen nehmen da teilweise sogar Melanin ein) ich warte einfach ein paar Tage bis sich das wieder einpendelt. Auch die Klimaumstellung wirkt einige Tage/Wochen lang belastend für den Körper. Da der Hormonhaushalt nicht nur auf das Schlafverhalten sondern auch auf die Verdauung Auswirkungen hat finde ich es in Ordnung, am Anfang auch mal westlich zu essen und eher in die “besseren” Restaurants zu gehen. Mehr als fünf Euro kostet ein Gericht auch dort selten. Das es in einer Millionenstadt wie Jakarta natürlich auch edle Restaurants gibt, in denen man für hunderte von Euro dinieren kann ist eben so klar wie unbezahlbar für normalsterbliche.

      Stück für Stück taste ich mich dann an die traditionelle Küche heran, esse dort wo viele andere Einheimische sitzen, die scheinen das ja schon einmal überlebt zu haben. Dort essen wo jede Bestellung frisch für dich zubereitet wird und nicht alles aus einem großen Topf kommt, es gibt Ausnahmen bei einigen Gerichten. An das Wasser und die neuen lustigen Bakterienstämme versuche ich mich zu gewöhnen, in dem ich es zum Zähneputzen verwende, ohne es zu schlucken. Auch später sollte man das Leitungswasser niemals trinken, aber zumindest das hiermit gewaschene Obst und Gemüse verträgt man so nach einiger Zeit – eventuell. Eine Magenverstimmung und auch der ein oder andere Durchfall sind nicht auszuschließen, da findet dann ein kleiner Krieg in der Darmflora statt, der aber eben auch nützlich ist. Bis jetzt bin ich verschont geblieben, natürlich gehört wie immer auch jede Menge Glück dazu.

      Grüße!

  3. Markus S.
    June 16, 2014
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    Hey Daniel !

    Es ist sehr schön zu lesen das du gut angekommen bist ! Du bist ja schon halbwegs gut “integriert”, aber das habe ich von dir auch erwartet 😉
    Mach weiter so !

    PS:
    Verzähl mal wie das essen ist, weil in der Kantine ist ja gerne genörgelt worden das Salz oder Pfeffer fehlt, wie ist die Strassenküche in Asien ?
    ^^

    @ Chris
    Schleimer ! 😛

    Viele Grüße
    M@rkus

    • June 16, 2014
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      Grias di Markus!

      Ankommen ist irgendwie eher ein Prozess als ein Zustand, der aber funktioniert auf jeden Fall gerade ganz gut, nur der Jetlag ist immer noch spürbar.

      In der Kantine fehlt ja nicht nur Salz und Pfeffer, sondern vor allem ein richtiger Koch, Gewürze und gute Zutaten 😉 Von all dem gibt es hier Abwechslung genug, dachte vorhin echt die grillen da Schildkröten, bis ich bei genauerem hinsehen erkannt habe dass es sich um monströse Krabben handelt denen die Scheren auf den Bauch gebunden waren…

      Habe ja oben schon einiges über das Essen geschrieben, so sehr begeistert bin ich bis jetzt noch nicht, aber dass war in Bangkok damals auch nicht anders. Je weiter ich dann in den Norden gekommen bin und je mehr ich akklimatisiert war, um so besser hat es mir geschmeckt . Als ich das dritte Mal in Bangkok war wusste ich auch dort wo es etwas leckeres gibt, habe aber lustigerweise das leckerste Essen in Bangkok nicht beim Thailänder sondern bei einem Inder in der Chao San Road gefunden!

      Viele Grüße
      (ich kann das übrigens auch:) D@niel

  4. June 25, 2014
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    Luft holen Daniel! Ich weiß es ist schwer *g* Metropolen in Asien sind immer so eine Sache. Man liebt sie oder man hasst sie. Ich für mein Teil bin immer froh wenn ich endlich raus bin auf ländlicheren Gebieten. Den Geruch jedoch findest du (leider) überall. Manchmal musst du nur suchen.

    Grüß dich und hoffe dir gehts gut!
    Thomas

    • July 3, 2014
      Reply

      hi Thomas! Bin inzwischen auf den Gili Islands gestrandet. Man mag es kaum glauben, aber hier gibt es tatsächlich frische Luft! Und das obwohl selbst Gili mittlerweile recht überlaufen ist… Aber bevor ich jetzt wieder anfange herumzunörgeln (riecht es hier nicht gerade nach Benzin?) werde ich mich stattdessen mit einem Cocktail bewaffnet in meine Hängematte begeben und professionelles faul-sein perfektionieren. Nur Übung macht den Meister, Cya!

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